Chorgeschichte
Irgendwie doch prägend…
Fragt man Ehemalige nach ihren Erinnerungen an ihre Chorzeit, taucht ein Wort fast immer sofort auf: Die Reisen. Die Helmstedter Chorknaben waren zu einer Zeit, als höchstens einmal im Jahr verreist wurde und viele Familien sich gar keinen Urlaub auswärts leisten konnten, ausgesprochene Vielfahrer und somit eine Möglichkeit, in einer großen Gemeinschaft Deutschland und die Welt zu sehen. Viele denken besonders gern an die Reisen nach Südafrika zurück.
An zweiter Stelle steht das Erleben einer starken Gemeinschaft. Gerade die Helmstedter Chorknaben entwickelten über die Jahre hinweg ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das die größten und die kleinsten Chorknaben mit einschloss und auch heute noch einschließt. Immer wieder hat es in den Reihen der Männerstimmen ,,Chorpapis" gegeben, die sich besonders um die Knabenstimmen gekümmert haben und immer ein offenes Ohr für Probleme größerer oder kleinerer Art haben. Vieles ist im Laufe der Zeit geregelt worden, ohne dass der Chorleiter oder sonst ein Offizieller etwas davon mitbekommen hätte, Das ist auch gut so, denn das macht eine Gemeinschaft aus: Man kann sich aufeinander verlassen, hilft sich gegenseitig.
Ganz klar, das Singen ist die Hauptbeschäftigung in einem Chor. Viele Ehemalige haben sich bei den Helmstedter Chorknaben mit dem ,,Virus Musik" infiziert und singen auch heute noch in Chören mit oder machen auf andere Weise Musik. Die großen Konzerte mit Orchester, sei es der ,,Messias", das ,,Weihnachtsoratorium", Kantaten, ,,Carmina Burana" oder vieles mehr, waren und sind Höhepunkte im Chorleben. Jeder erlebt solche Aufführung anders: Einer hat einfach Freude daran, ein schönes Konzert zu singen, ein Anderer ist durch die Stimmung des Stückes so gerührt, dass er kaum weiter singen kann und ein Dritter genießt das harmonische Zusammenspiel von so vielen Menschen. Allen ist jedoch gemeinsam, dass sie alle eine Erfahrung machen, die Andere in ihrem Alter nicht haben: Eine Balance zwischen eigener Aktivität, Teamwork und Unterordnung bringt eine Gemeinschaft von 30 bis zu 80 Mitwirkenden zum Erfolg.
Die Kirche St. Marienberg hat sicherlich bei vielen Chorknaben über alle Jahrgänge hinweg großen Eindruck hinterlassen. Schon allein durch das traditionelle Heilig-Abend-Singen hat die Kirche etwas wie heimatliche Gefühle geweckt. Ein Weihnachtsfest ohne Heilig-Abend-"Singen ist vielen einfach nicht denkbar.
Eingeprägt hat sich bei vielen älteren Chorknaben die ganz eigene Art, wie Dr, Israel den Chor dirigierte. Wir waren gewohnt, die teilweise recht sportlichen Bewegungen in einen Einsatz und ein Tempo zu übersetzen, sodass wir auch mit fremden Dirigenten gut zurechtkamen, wie dem im österreichischen Wiesmath, der, eine Hand am Mund, die andere darum kreisend Bruckners ,,Locus iste" dirigierte.
Neben vielem anderen wie Disziplin, Toleranz und Offenheit gegenüber Fremden und einem Kontakt zur klassischen Musik, den die Schule nie hätte leisten können, hat jeder einzelne Ehemalige für sein späteres Leben einiges und jeder etwas anderes vom Chor mitbekommen. Es muss positiv gewesen sein, sonst würden die
Kinder von Chorknaben von ihren Eltern nicht zum Singen geschickt werden...
Gegründet wurden die Helmstedter Chorknaben am 4. März 1970 durch Dr. Helfrid Israel. Auslöser war eine Besichtigung der Kirche St. Marienberg. Auf die Bemerkung, dass hier ein Knabenchor singen müsse, erwiderte der damalige Propst Hobohm: ,,Na, dann machen sie mal." Auch nach der Gründung verfolgte der Propst das Geschick der Chorknaben mit reger Unterstützung und Anteilnahme. Er kann daher als zweiter Gründer des Knabenchors bezeichnet werden. Die ersten Proben des neu gegründeten Chores fanden in Dr. Israels Wohnung statt. Die fehlenden Männerstimmen wurden von sangesfreudigen Vätern übernommen. Bereits nach kurzer Zeit, am 24. Mai hatte der junge Chor seinen ersten Auftritt in der Kirche St. Marienberg, die seitdem als Heimatkirche der Helmstedter
Chorknaben gilt.
Schon im folgenden Jahr wurden vom Chorleiter Auftritte angesetzt, die
Tradition werden sollten. Am Pfingstsamstag 1971 wurde zum ersten ,,Waldsingen im Elz" eingeladen. Die besondere Atmosphäre unter dem Motto ,,Chorgesang und Hörnerklang" mit einem gemütlichen Beisammensein, zunächst noch mit belegten Brötchen, später bei anschließendem Grillen und damals noch erlaubtem Lagerfeuer locken in den Folgejahren immer mehr Menschen auf die Buchenlichtung im Elz. Auch das Heilig-Abend-Singen wird sich zu einem
festen Bestandteil des Weihnachtsfestes vieler Helmstedter entwickeln.
In den folgenden Jahren begann die lange Reihe der Chorbesuche. 1972 kam der Knabenchor aus Wiesbaden nach Helmstedt. Dank des unermüdlichen Einsatzes des Chorleiters wurde der Chor immer bekannter, sowohl in Helmstedt als auch durch viele Reisen auch auswärts. Zum 5-jährigen Jubiläum konnte die Presse stolz verkünden: ,,Helmstedter Chorknaben sind Kulturträger geworden!"
Im folgenden Jahr begann eine langjährige Verbundenheit: Die begrüßten Gäste aus Südafrika.
1977 wurde eine weitere Tradition. begründet: Das 1.Offene Singen fand im Juleum statt. Die Chorknaben sangen Lieder unter einem Mono zusammen mit einem Gastchor und die Zuhörer waren keine, da sie mitsingen sollten .
Proben konnte man schon lange nicht mehr in Dr. Israels guter Stube; der Chor übte zunächst in den Bänken der St. Georgskapelle, in der damals noch kein Geschäft war. Danach zog man in die Realschule II in der Amtsgasse um später als Gast im Gemeindehaus St. Marienberg zu proben.
Endlich! Der Chor bekam 1979 ein Zuhause. Ein Jahr lang hatten Eltern und Chorknaben gemeinsam renoviert und nun zog der Chor im Kloster St. Marienberg in Räume ein, die sich schnell zum Chorheim entwickeln sollten.
Bereits 10 Jahre Knabenchor - das ist ein Grund zum Feiern. 1980 wurde dies auch mit einem Festgottesdienst und einer festlichen Serenade im Klostergarten getan. Ganz im Stillen hatte sich aber noch mehr getan: Auch Mädchen wollten singen und so entstand neben den Helmstedter Chorknaben auch der Helmstedter Mädchenchor.
Im folgenden Jahr wurde ein Rekord erreicht: Der Chor bewältigte neben einer ersten Südafrikareise die stolze Zahl von 46 Auftritten. 1982 wurde im Herbst zudem eine Schallplatte aufgenommen: ,,Heilig-Abend-Singen in St. Marienberg". Selbst das Fernsehen hatte schon von den Chorknaben gehört. Der Chor steht 1983 dreimal vor den Fernsehkameras: Im ZDF, in der Berliner Abendschau und im Nordschaumagazin. In diesem Jahr trat auch der Mädchenchor ans dem Schatten des ,,großen Bruders": Erstmals präsentierten die Mädchen ein eigenes Programm.
Die Mitgliederzahlen wurden immer höher: 1984 bewältigen 180 Mitglieder 33 öffentliche Auftritte. Der Universitätschor Pretoria kam zu Besuch. Am 27. Dezember wurde gemeinsam ,,Der Messias" von G. F. Händel gesungen. Beide Chorleiter sangen mit, denn die Leitung über die Chore und das Domkammerorchester übernahm Domkantor Helmut Kruse ans Braunschweig. Es sind diese Konzerte mit Orchester, die vielen Mitwirkenden im Nachhinein als Höhepunkte im Gedächtnis geblieben sind. 1986 folgte wieder so ein Markstein: In zwei Konzerten, das erste in St. Marienberg und das zweite im Braunschweiger Dom führten die Domsingschule und die Helmstedter Chorknaben gemeinsam Mozarts Requiem auf.
Bel den Chorknaben waren die Fahrten zu den Kongressen der ,,Pueri Cantores", des katholischen Knabenchorverbandes immer sehr beliebt. Bereits 1982 war man nach Brüssel gefahren, 1987 ging es zum Jahreswechsel nach Rom, 1990 nach Maastricht und 1993 und 1999 wieder nach Rom. Singen wird dort neben Einzelkonzerten zu einem Gemeinschaftserlebnis, wenn über tausende Jugendliche unter drei oder vier Dirigenten das selbe Stuck singen.
In den folgenden Jahren reihten sich die Konzertreisen ins Ausland aneinander: 1988 Niederösterreich, 1989 Ungarn und 1991 Spanien. Eine weitere Reise führte die Chorknaben 1993 ,,nur" bis Schwäbisch Gmünd.
1990 feierte der Chor nun schon sein 20-jähriges Jubiläum. Höhepunkte in diesem Jahr waren Chorbesuche aus Schwäbisch Gmünd, Altenburg (`Österreich), Esbjerg und aus Südafrika. Wiederum hatten die südafrikanische Besucher den Wunsch, deutsche Weihnachten zu erleben und reisen am Freitag vor Weihnachten, zum Offenen Singen an. Am 27. Dezember folgte erneut ein großes Konzert; J. S. Bachs Weihnachtsoratorium, wieder unter Helmut Kruse.
In den Jahren vor 1995 drängte die Frage immer mehr in den Vordergrund, wie eine Zeit nach Dr. Israel aussehen könnte. Es stand fest, dass Dr. Israel den Chor ins 25-jährige Jubiläum führen wollte, aber nicht weiter. Der frisch nach Helmstedt gekommene Propst Heinz Fischer wollte den Chor nicht untergehen sehen und setzte sich für eine Lösung des Problems ein, denn ein ehrenamtlicher Chorleiter war nicht zu finden.
So kamen die Stadt, der Landkreis Helmstedt und die Landeskirche Braunschweig überein, gemeinsam eine halbe Stelle für einen Chorleiter zu schaffen. Auf diese Stelle bewarben sich zwei Kandidaten: Thoralf Hildebrandt und Stefan PD Runge. Nach dem Bewerbungsprozedere wurde Stefan PD Runge mit den, den Ausschlag gebenden Stimmen der Chorvertreter zum Nachfolger gewählt.
So ein Chorleiterwechsel ist immer mit Unruhe verbunden. Viele Sänger verließen den Chor mit Dr. Israel, Stefan PD Runge musste sich an sein neues Tätigkeitsfeld gewöhnen und sich in der Kleinstadt Helmstedt mit ihren Eigenheiten einleben. Die Traditionsveranstaltungen blieben jedoch bestehen, auch die jährlichen Konzerte mit Orchester wurden weiterhin durchgeführt. 1997 erfolgte auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Ronsöhr eine Konzertreise nach Bonn.
1999 fuhr man, wie oben erwähnt, nach Rom und Florenz. Das 30-jährige Chorbestehen wurde mit einem Festgottesdienst in St. Stephani gefeiert. Bei dieser Gelegenheit trat der Chor das erste Mal in der Stadtkirche auf. Höhepunkt des Jahres war die zweimalige Aufführung des ,,Messias" in St. Marienberg und im Kaiserdom zu Königslutter. Solche aufwändigen Konzerte werden unter Stefan Runges Leitung zu Chorprojekten. Die Helmstedter Chorknaben und manchmal ein Gastchor bieten sangesfreudigen Frauen und Männern die Gelegenheit, bei solchen Konzerten mitzuwirken. So folgen ab 2003 Orffs ,,Carmina Burana", Mozarts ,,Requiem", Bersteins ,,Chichester Psalms", Rutters ,,Gloria" und Liszts ,,Via Crucis". Chorreisen unternahm der Chor in den letzten Jahren nach Prag, Wien, Budapest und Kopenhagen.
In einer Folge von Kooperationen mit Grundschulen erfolgten Aufführungen von Ritter-Rost-Musicals, der Kinderoper ,,Brundibar“ von Franz Krasa und des Singspiels ,,Das Zauberwort" von Joseph Rheinberger.
Ein großer Höhepunkt der letzten Chorjahre war das Gastkonzert des Thomanerchores Leipzig in St. Stephani. Der Thomaskantor ließ die Chorknaben bei der Bach-Motette ,,Jesu, meine Freude" beim Anfangs- und Schlusschoral mit dazu treten, um diese beiden Strophen gemeinsam zu singen. Die Chorknaben Uetersen kamen im Herbst 2009 zu Besuch nach Helmstedt und setzten damit die Reihe der Chorbesuche fort.
